Ellen Stewart, die legendäre Gründerin des La
Mama Theaters in New York, hat 1994 das Gilgamesch Projekt in
Augsburg angeregt, das für mich genauso ein Wagnis werden
sollte wie für die theaterbegeisterten Assyrer vom Mesopotamien
Verein Augsburg. Im Rahmen meiner Meta Theater Arbeit hatte ich
bereits an kulturübergreifenden Projekten gearbeitet, aber
direkt konfrontiert zu sein mit den Assyrern, die in Augsburg eine
neue Heimat gefunden hatten, war doch etwas anderes. Da ich mich
einem ursprünglichen Theater verpflichtet fühle, war ich
von Anfang an von der Natürlichkeit, Leidenschaft und
Spontaneität der Darsteller begeistert.
Aber wie
sollten wir es gemeinsam wagen, uns diesem gewaltigen, nur
fragmentarisch erhaltenen Stoff zu nähern? Wie sollten wir je
ein Theaterstück aus diesem Gilgamesch Stoff erschaffen? Ich
begriff diese Pionierarbeit als Herausforderung. Doch wo
sollten wir geschichtlich beginnen und wie sollten wir praktisch mit
der Arbeit anfangen? Ich erinnerte mich aus den ersten Begegnungen
in Augsburg, daß die Assyrer mir begeistert von ihrer
Tradition des Geschichten Erzählens in ihrer Heimat
berichteten. Das war der Start: im Kreis sitzend begannen wir zu
erzählen, was jeder wußte, auf assyrisch oder deutsch. Im
Laufe der Zeit wurden die Erzählungen immer genauer, farbiger
und phantasievoller. Ein anderer wichtiger Aspekt der Arbeit war die
Erprobung der körperlichen Ausdrucksmittel. Alle nahmen die
Herausforderung an, in verschiedenen Improvisationen Phantasie und
persönliche Kreativität zu
entwickeln.
Das war nicht
immer leicht, denn müde vom Arbeitsalltag kamen sie abends zu
Probe. Doch dann geschah etwas seltsames: durch Körpertraining
und Konzentration auf die Gilgamesch Geschichte wurde ihre
Aufmerksamkeit geweckt, die wiederum die Erinnerungen auslöste
auf das, was ihnen schon so fern schien: die Gerüche ihrer
Heimat, die Früchte und Pflanzen, das Leben mit den Tieren, die
Landschaft, die Dorfgemeinschaft, die Kleidung, die Speisen, die
Spiele der Kinder, die Gesänge, die Nächte unterm
Sternenhimmel . . . .
All diese
Erinnerungen sind in das Gilgamesch Projekt eingeflossen und haben
es zu dem gemacht, was es heute ist: ein phantastisch dramatisierte
Spurensuche mit bizarren Klängen, Stimmen von Ungeheuern, einem
tobenden Himmelsstier, ein Theater der Bilder und der
Sinne.
Gilgamesch, ein
gelungenes interkulturelles Experiment, wird nach der fulminanten
Premiere im Juli 93 in Rahmen von La Piazza in Augsburg bis heute
aufgeführt. Einladungen führten uns mit diesem Stück
quer durch Deutschland. Begeisterte Presseberichte und ein jubelndes
Publikum haben das Gilgamesch Projekt bis heute lebendig gehalten
und bundesweit bekannt gemacht.
Aus diesem
Erfolg heraus haben die Assyrer und ich Mut geschöpft, Anfang
dieses Jahres eine weiteres Abenteuer zu beginnen: das
Theaterprojekt Babylon erforscht den mesopotamischen
Schöpfungsmythos.

Szenenfolge
1. Das Dorf
Die Dorfbewohner spielen, singen,
erzählen und verwandelns sich in das Volk von Uruk
2. Gilgamesch, König von Uruk Die
Götter erschufen Gilgamesch, König von Uruk. Zu zwei
Teilen Gott, zu einem Teil Mensch. Er befiehlt, eine gewaltige Mauer
um die Stadt Uruk zu bauen.
3. Die Klage des Volkes
Das Volk arbeitet Tag und Nacht, jahraus, jahrein. Es erregt sich über
Gilgamesch Willkür. Die Götter erhören die Klage des
Volkes.
4. Enkidu bei den Tieren
Die Götter erschaffen ein Wesen, das
Gilgamesch ebenbürtig ist. Enkidu, der Wildmensch, lebt,
friedlich mit den Tieren.
5. Enkidu und das Tempelmädchen
Gilgamesch erfährt von Enkidu und schickt ein Tempelmädchen zu ihm. 6
Tage und 7 Nächte verbringt Enkidu mit ihr. Dann führt sie
ihn nach Uruk.
6. Kampf zwischen Gilgamesch und Enkidu
Wie von den Göttern
vorhergesehen, messen sich die beiden Helden. Der Kampf bleibt
unentschieden. Gilgamesch schließt Freundschaft mit Enkidu.
7. Sieg über Chumbaba
"Einen Namen der dauert, will ich mir
machen!" Gilgamesch begibt sich mit Enkidu zum fernen
Zedernwald, der von Chumbaba, einem Ungeheuer, bewacht wird. Die
beiden töten ihn, nachdem sie die heilige Zeder gefällt
haben.
8. Ischtar und der Himmelsstier
Nach der Rückkehr nach Uruk bietet die Göttin Ischtar
Gigamesch die Ehe an. Er lehnt in beleidigender Weise ab.
Gedemütigt bittet Ischtar ihren Vater Anu um den Himmelsstier,
damit dieser Gilgamesch und die Stadt vernichte. Der Himmelsstier
stürzt auf Uruk. Enkidu gelingt es, ihn am Schwanz zu fassen,
und Gilgamesch schlägt ihm den Kopf ab.
9. Enkidus Tod
Enkidu träumt, er sei von den Göttern verurteilt worden. Am nächsten Tag wird er
krank, nach 12 Tagen stirbt er. 6 Tage und 7 Nächte beweint
Gilgamesch seinen Freund und hofft, ihn durch Klagen ins Leben
zurückzurufen. Nach der Beerdigung verläßt er die
Stat Uruk.
10. Gilgameschs Suche nach Unsterblichkeit
"Werde nicht auch ich sterben wie Enkidu?" Um dem Schicksal der Menschen zu
entgehen, beschließt er, Utnapischtim zu suchen, der der
Sintflut entronnen ist und unsterblich wurde. - Am Berg Maschu
findet er das Tor, durch das die Sonne jeden Tag hindurchgeht. Nach
12 Stunden Finsternis gelangt er ans Ende der Welt. - Die
Schenkwirtin Siduri will Gilgamesch von seinem Vorhaben abbringen
und schickt ihn zurück, damit er sich am Leben erfreue. Als
Gilgamesch beharrt, verweist sie ihn an Urschanabi, den
Fährmann. Mit ihm überquert Gilgamesch die Wasser des
Todes, um zum anderen Ufer zu gelangen, an dem Utnapischtim lebt.
11. Bei Utnapischtim
Utnapitschtim erzählt von der Sintflut und vom
Beschluß der Götter, ihn und seine Gattin unsterblich zu
machen. "Götter und Menschen haben verschiedenes Los. Wie
willst du das Leben finden, welches du suchst?" Seine Rede
nimmt einen unerwarteten Lauf: "Versuche doch, 6 Tage und 7
Nächte nicht zu schlafen!" Gilgamesch schläft
unverzüglich ein. Er will aufgeben, doch im letzten Moment
offenbart ihm Utnapischtim auf Drängen seiner Gemahlin, den Ort
der Pflanze, die ewige Jugend verleiht. Gilgamesch findet sie am
Grunde des Meeres und tritt die Heimreise an. Als er an einer Quelle
badet, verschlingt eine Schlange das Kraut.
12. Zurück in Uruk
Gilgamesch erkennt, daß seine Suche vergeblich war. Zurück in Uruk
führt er Urschanabi auf die Mauer der Stadt "Sieh, wie
fest gegründet, die Mauer von Uruk".

Meta Theater Stand März 2000
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