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Mesopotanien:
Völker, Heimat und
Gedächtnis |
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Mesopotanien: Völker, Sprache und Geschichte Essay von Prof Dietz Otto Edzart Das Zweistromland an Euphrat und Tigris ist - anders als das Alte Ägypten - immer ein Mehrvölkerland gewesen. Am ältesten sind uns ganz im Süden die Sumerer bezeugt. Sie haben die Schrift erfunden, die anfangs überwiegend aus bildhaften Zeichen bestand, dann aber rasch abstrahiert wurde. Da die in den feuchten Ton eingeritzten Striche mit ihrem dreieckigen Kopf wie Keile aussehen, hat sich für die altmesopotamische Schrift die Bezeichnung "Keilschrift" eingebürgert. Sumerische Keilschrifttafeln unterrichten uns seit Beginn des III. Jahrtausend v.Chr. z.B. über Abrechnung und Verwaltung, das private und öffentliche Vertragswesen, den Briefverkehr und nicht zuletzt über eine reiche Literatur, etwa die sumerischen Vorläufer des berühmten Gilgamesch-Epos. Eine vom Sumerischen völlig verschiedene Sprache haben die Babylonier und Assyrer gesprochen und geschrieben. Ihre Sprache, das "Akkadische" (so genannt nach dem Reich von Akkad im 23. und 22.Jahrhundert v.Chr.) ist eine semitische Sprache und als solche verwandt u.a. mit dem Aramäischen, Hebräischen und Arabischen und damit auch mit der neuaramäischen Sprache, die die heutigen "Assyrer" sprechen. Mesopotamien war mit seinen überall offenen Grenzen ein im Verlauf der Geschichte typisches "Einwanderungsland", in das noch mehrere andere Völker eingedrungen sind. Sie erlagen aber auf die Dauer immer wieder dem kulturellen Sog und Prestige der Sumerer, Babylonier und Assyrer. Erst im 1.Jahrhundert nach Christus sind die letzten Tempelzentren verschwunden, an denen Gelehrte noch Keilschrift schrieben, auch wenn die akkadische Sprache als Umgangssprache schon dem Aramäischen gewichen war. Manche sumerische und akkadische Wörter sind von den Aramäern übernommen und auch an die Araber weitergegeben worden, z.B. die Wörter für "Seemann" oder den "Töpfer". Die Geschichte Mesopotamiens ist von einem nie völlig überwundenen Hang zum politischen Partikularismus gekennzeichnet. Reiche wie das der Könige von Akkad im 23. und 22. oder des Hammurapi im 18. Jahrhundert v.Chr. sind ständig von Aufruhr und Zerfall bedroht gewesen. Erst in der zweiten Hälfte des II.Jahrtausends v.Chr. haben sich Babylon, Assur und dann auch Ninive als regelrechte Metropolen etabliert. Mesopotamien war immer arm an Bodenschätzen und Holz und zur Versorgung mit Stein, Metall und wertvollen Hölzern auf den Erwerb durch den Handel oder durch Tributleistung unterworfener Völker angewiesen. Dafür standen Landwirtschaft, Viehzucht und Textilindustrie stets in hoher Blüte. In der Religion Mesopotamiens hatten als Folge zweier ursprünglich nebeneinander bestehender Götterwelten manche Gottheiten eine dopplete, sumerische und akkadische, Ausprägung, z.B. Inanna-Ischtar als die Göttin der Liebe, des Krieges und des Venussterns oder Enki-Ea als Weisheitsgott. Die Götterwelt war in Familien gegliedert und in jeder Hinsicht ein Spiegelbild irdisch-menschlicher Verhältnisse. Das betrifft auch die emotionelle Komponente, wofür das "Enuma Elisch" ein lebendiges Zeugnis liefert!
Heimat und Gedächtnis In seinem schönsten Buch hat Theodor W. Adorno folgende Erfahrung aus seiner Exilzeit festgehalten: "Das Vorleben des Emigranten wird bekanntlich annulliert. Früher war es der Steckbrief, heute ist es die geistige Erfahrung, die für nich transferierbar und schlechterdings artfremd erklärt wird. Was nicht verdinglicht ist, sich zählen und messen läßt, fällt aus". (Minima Moralia, § 52). Der Emigrant weiß aber, daß ohne Vorleben keine menschenwürdige Existenz weder für ihn noch für die eigene Minderheit geben kann. Sobald er sich dieses existentiellen Stillstandes bewußt wird, beginnt das Suchen nach Wegen, um aus der Sackgasse herauszufinden. Seit Jahrtausenden zeigt die weltweite Geschichte der Einwanderung, daß es die Kunst ist, die sich zu dem Leben in der Fremde stets solidarisch verhält. Die Kunst tut dies, weil in der Kunst die Andersartigkeit der Kulturen schon immer Quelle von Kreativität und nicht von Diskriminierung war. Für den einzeln Emigrant, für die Gemeinde und die späteren Generationen wird das Leben in der Fremde dann glücken, wenn der räumlichen Bruch zwischen Vorleben und Zukunft aufgehoben wird. Die Kunst kann das Eigene dazu beitragen, in dem sie Vorleben und Zukunft zu einer neuartigen Einheit im Alltag der Aufnahmegesellschaft verhilft. Wie das? Bis heute bietet die Sozialforschung nur eine restriktive Auslegung des Generationskonfliktes an, der sich innerhalb jeder Kulturminderheit ergibt. Die erste Generation lebt zwischen den Erinnerungen an die Heimat und dem Wunsch nach Rückkehr zur Herkunftskultur. Die jüngere Generation sieht in den Erinnerungen und Wünschen der Eltern eine Gefahr für ein Leben jetzt und hier. Unvermeidliche Konflikte werden deswegen um so ärgerlicher, weil die Beteiligten längst Opfer einer schäbigen Auslegung ihres Lebens in der Fremde geworden sind. Wie sieht die Wirklichkeit aus? In dem die erste Generation Erinnerungen und Wünsche wach hält, sorgt sie dafür, daß das Vorleben der Gemeinde kreativen Eingang in den sozio-kulturellen Alltag der Gastgesellschaft findet. Die junge Generation, die naturgemäß nur in der Gegenwart lebt, sperrt sich, weil sie sich von einem "unzeitgemäßen" Vorleben der Eltern eingeholt sieht, das sie als akute Gefährdung ihrer Zukunft vor Ort erlebt. Die Fehleinschätzung liegt darin, daß die Gefahr weder von den Erinnerungen noch von den Wünschen der ersten Generation kommt. Sie ergibt sich aus der hartnäckigen Unfähigkeit der Gastgesellschaft, "die geistigen Erfahrungen" der neuen Bürger zu zulassen, ihr Vorleben mit einer menschenwürdigen Zukunft zu versehen. Hier kann Theater etwas bewirken, weil das Theater sich am besten dazu eignet, um das Vorleben der Einwanderer Teil ihrer Zukunft im neuem Land werden zu lassen. Theater lebt aus Körper und Sprache. In der Emigration wird der Körper zwangsläufig Träger des Vorlebens, da bekanntlich mit der Herkunftssprache kein Durchkommen mehr möglich ist. Das Meta Theater, das schon lange den Körper in den Mittelpunkt des theatralischen Spiels gerückt hat, weiß aus der erzwungenen Priorität des Körpers Sprache zu gewinnen. Insofern ist das Aufführen der großen Epen Gilgamesch und Enuma Elisch durch die Mitglieder der assyrischen Gemeinde in Augsburg in Zusammenarbeit mit dem Meta Theater keine Besichtigung eines Kulturschatzes. Beide Projekte verhalten sind kongenial zum Leben in der Fremde. Durch die Aufführung beider Epen in der Sprache des Landes wird das geistige Vorleben der Gemeinde in die Zukunft des Landes eingeführt. Das Verhältnis Körper und Sprache auf der Bühne vermag am besten zu verdeutlichen, wie ein solcher Prozeß vor sich geht. Für die Mitglieder der assyrischen Gemeinde ist dies der Begründungsakt eines bikulturellen Gedächtnisses. Durch die Theateraufführungen wird das kollektive Gedächtnis der Gemeinde neu begründet und nach vorne ausgerichtet. Ab jetzt wir das Gedächtnis der Gemeinde sich in der Sprache des Landes entwickeln und zugleich Träger von Erinnerungen und Wünschen sein, die ein anderes Land betreffen. Auf diesem Weg wird es allmählich zur Klärung der Funktion von Erinnerungen und von Wünschen der ersten Generation und zur Auflösung der Ängste der jüngeren Generation kommen. Daß die Gründung des bikulturellen Gedächtnisses für die assyrische Gemeinde mit Hilfe des Theaters passiert, während für andere Gemeinden dies mit Hilfe der Literatur, der Malerei, der Musik stattfindet, hat mit den spezifischen Erfahrungen zu tun, die das Vor-Leben der assyrischen Gemeinde ausmacht und sie als einmalig ausweist. Da das Leben in der Fremde aus Begegnungen und
Gesprächen besteht, ist daher kein Zufall, daß das Meta
Theater dazu beigetragen hat, den Gründungsakt mit zu
gestalten. In Enuma Elisch werden Konflikte ausgetragen, die einen
blutigen Lauf nehmen und zur Gründung der Stadt Babylon
führen. Babylon ist nach wie vor die Zukunft. Durch die
Aufführung von Enuma Elisch wird keine neue Stadt, sondern ein
Gedächtnis gegründet, das wie das Epos selbst jedem
Bewohner der Republik offen steht. |
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