Projekt Babylon
Die Geschichte ist klassisch: Die Helden sind Götter, archaische
Götter. Im Zentrum des Epos steht ihre Familiengeschichte, die sich
hoch dramatisch durchs anfängliche Chaos auf dessen Verwandlung zu
bewegt, auf dessen Verwandlung in die Ordnung. In die Ordnung namens Welt.
Vom schlimmsten, durch Neid und Mißgunst
bestimmten Familienzwist, der sich in Form von Geschlechterkampf und
Generationsstreit offenbart, bis hin zur Entstehung der Welt ist
jedoch ein weiter, blutiger Weg. Am Ende sind die Familienkonflikte
gelöst. Dies wahrlich göttliche Ereignis feiert die
Sippschaft mit einem großen Fest, das zugleich das
Gründungsfest der Stadt Babylon ist.
Im Rahmen der Theaterarbeit dient die Textgrundlage lediglich als Folie,
als Reibungsfläche für die Auseinandersetzung mit der eigenen
mythischen Herkunft der Darsteller, der Assyrer.
Als der erste Probentermin feststand, war die Frage, wie
wir uns diesem gewaltigen Stoff nähern könnten, noch
gänzlich offen. Unsere ersten Zusammenkünfte verbrachten
wir damit, Ideen dafür zu finden, wie diese archaischen
Götter heutzutage überhaupt zu begreifen, geschweige denn
darzustellen seien? Geräusch - und Bewegungs-improvisationen
halfen den Schauspielern die anfängliche Scheu zu
überwinden. Die Arbeit mit dem Text brachte bald eine
überraschende Erkenntnis:
Die Göttergeschichte entspricht in eklatanter Weise der Menschengeschichte,
im Allgemeinen, und jener der Assyrer im Besonderen. Von da an bestimmte
sich der Fortgang der Probenarbeiten wie von selbst. Erinnerungen aus der
alten Heimat wurden gesammelt. Bräuche, Sitten, Rituale. Geschichten
wurden erzählt, oft bis in die Nacht, um recht viel Material zu sammeln,
die göttliche Menschenfamilie aus dem Epos so lebendig als möglich
darzustellen.
Längst ist klar: Es geht nicht in erster Linie ums Theaterspielen,
also darum, irgendeine Geschichte vorzustellen, sondern darum, die eigene
Geschichte in der Göttergeschichte wiederzufinden und zu spiegeln.
Der Wunsch nach Authentizität, den die
Assyrer entwickelt haben, macht den besonderen Reiz dieser Arbeit
aus. Natürlich, offen und leidenschaftlich präsentieren
sie ihre Welt. Sie tanzen, singen und sprechen, mal deutsch, mal
assyrisch, je nach dem, je nach Bedarf.
Aus der
Wiedererinnerung an ihre konkrete Herkunftsgeschichte, in der
Auseinandersetzung mit ihren mythischen Wurzeln, haben die Assyrer
ihre eigene Welt kunstvoll erschaffen. In der Regie von Axel
Tangerding entstand in langer Probenarbeit ein faszinierender
Theaterabend voller fremder Bilder.
Szenenfolge
1. Festvorbereitung
Heute Abend wird gefeiert. Das Neujahrsfest.
Man trifft sich, um zu besprechen, was noch zu tun ist. Wer
kümmert sich um was?...um Speis und Trank? ... um Musik, Tanz
und Theater? Die Ideen sprudeln. Den letzten Wunsch haben die Kinder
und die sind begierig Geschichten aus der Heimat zu hören. Die
älteste Geschichte überhaupt, der Schöpfungsmythos
Enuma Elisch steht auf der Wunschliste ganz oben. Doch wer kann sich
an ihren Verlauf erinnern? Ein altes Buch taucht auf. Dem alten
Geschichtenerzähler auf die Sprünge zu helfen, lesen die
Kinder ihm den Anfang des Epos vor - und: er beginnt sich zu
erinnern. Aus seiner Rede formt sich die Geschichte zu bewegten
Bildern und nimmt ihren dramatischen Lauf.
2. Der Streit um den Anfang.
Begehrlich nacheinander vermischen Tiamat
und Apsu ihre Wasser. Daraus entstehen ihre Kinder und Kindeskinder.
Als nun die Heranwachsenden sich ihrer Kraft gewahr, und von daher
übermütig werden, beginnt Tiamat, die Urmutter, zu
wüten und zu zetern, denn sie fühlt sich durch "ihr
Getanze, ihr Lärmen" gestört. Handeln jedoch tut sie
nicht. Apsu, ihr Gatte, erbarmt sich ihrer, und verkündet laut:
"ich werde sie alle vernichten".
3. Apsus Tod
Die jungen Götter sind entsetzt, sind
ratlos. Alle, bis auf Ea. In seiner Not besinnt er sich auf eine
List. Nachdem er die anderen von seinem Plan überzeugt hat,
überwältigt er Apsu im Schlaf, und tötet ihn grausam.
4. Die Klage
Daraufhin wenden sich die alten
Gottheiten voll Schmerz und Klage an Apsu´s Gefährtin:
"Tiamat, Kampf hat stattgefunden. Räche du uns, reduziere
zum Nichts." Tiamat fühlt sich herausgefordert.
5. Die allmächtige Mutter Tiamat
Die
jungen Götter zu vernichten, fertigt sie grausamste Waffen und
schafft entsetzliche Wesen. Ea berät mit seinem Vater Anschar,
was zu tun sei. Durch diesen ermutigt, zieht er kühn in den
Kampf, nun auch die Mutter zu besiegen - vergeblich. Unfähig
die Hand gegen sie zu erheben, kehrt er unverrichteter Dinge
zurück: "Vater, ich bin Tiamats Taten nicht gewachsen.
... Ihre Kraft ist mächtig, sie ist voller Schrecken. ... Doch
mein Vater, verliere die Hoffnung nicht. Schicke einen anderen zu
ihr.."
6. Marduks Bedingungen
Allein Eas Sohn, Marduk, kann Tiamats
Allmacht noch brechen. Dieser ist bereit. Unter der Bedingung,
daß man ihn zum König erhebt, daß man ihm alle
Mächtigkeit und Entscheidungskraft zuspricht. "Mein Wort,
und nicht mehr das Eure, soll fortan das Schicksal
bestimmen."
7. Festvorbereitung II.
Währenddessen sind die
Festvorbereitungen in vollem Gange. Essen und Getränke werden
im Saal verteilt. Die Dekorationsutensilien sind auch schon
eingetroffen. Man diskutiert: "wo soll was angebracht werden,
was fehlt noch?" Hier singt eine Gruppe und übt einen
Tanz. Die Kinder überlegen sich Spiele, die sie am Abend
spielen können. Dort diskutiert man über Marduks
kühnes Vorhaben.
8. Der Rächer Marduk
In diese Gesellschaft platzt
Anschars Minister Gaga. Er informiert sie über Marduks Plan.
Die Gesellschaft wird zum Götterrat, berät sich über
das Gehörte und entscheidet nach langem hin und her: Marduk
soll ihr Rächer sein.
9. Tiamats Tod
Ermächtigt zieht Marduk los.
Als er der medusenhaften Tiamat gegenübersteht, schwinden seine
Kräfte. Bekräftigt durch die anderen, ermannt er sich
erneut und spricht sie an. Von da an ist er sich des Sieges
gewiß, tötet Tiamat und legitimiert dadurch seine
Herrschaft und sein Königtum. Zum Dank für seine Heldentat
erbauen die Götter Babylon, die Häuser der großen
Götter.
10. Das göttliche( Neujahres - ) Fest III.
Die
Geschichte ist erzählt, die Welt hat ihren Anfang genommen, und
die Himmlischen sind begeistert. Höchste Zeit ist es, ihren
Helden Marduk beim Neujahrsfest mit Gesang und Tanz, Nektar und
Ambrosia zu feiern.