Yukio Michima
"Das menschliche Leben ist kurz, ich aber möchte ewig leben." Das sind Yukio Mishimas letzte Worte, die er im Morgengrauen des 25. November 1970 auf ein Blatt Papier schrieb. Wenig später beging er zusammen mit seinem Freund Morita im Verteidigungsministerium in Tokio einen spektakulären Selbstmord durch das Schwert.
"Wenn ich diese letzten 25 Jahre in Gedanken an mir vorüberziehen lasse, er füllt ihre Leere mich mit Erstaunen. Ich kann kaum sagen, daß ich gelebt habe", stellte er ein Jahr zuvor fest. Seine Mutter kommentierte den Selbstmord ihres Sohnes, der gerade 45 Jahre alt geworden ist, mit den Worten: "Klagen Sie nicht um ihn. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er genau das getan, was er sich immer wünschte."
Mishima hatte ein schillerndes Leben geführt, voller Intensität, durch die Faszination, die der Tod auf ihn ausübte, noch gesteigert. Yukio Mishima wurde 1925 in Tokio geboren und früh von seiner starken, aristokratischen Großmutter in ihre Gemächer geholt. Dort verbrachte er mit ihr, abgeschottet von anderen Kindern und einer normalen Außenwelt, ein Leben in Luxus, Krankheit und Träumerei. Er trug ihre Nervenkrisen, lernte ihre Wunden zu pflegen, half ihr auf die Toilette, trug Mädchenkleider und besuchte mit ihr rituelle Nô Spiele und melodramatische Kabuki Stücke.
Früh reifte Yukio Mishima an der Seite dieser langsam verfallenden Frau heran und machte seine Beobachtungen über die Fremdheit der Dinge. Eifersüchtig von ihr geliebt, versuchte er ihrer Liebe gerecht zu werden. Mit 8 Jahren hatte ich eine Geliebte von 60 Jahren, sagte er einmal über diese Beziehung. Als Heranwachsender verschanzte er sich hinter Büchern und entwickelte sich zu einem blassen, mageren, äußerst gebildeten jungen Mann, der sich früh seiner homosexuellen Neigung bewußt war. Im Japan der 50er Jahre konnte er sich allerdings noch nicht offen dazu bekennen.
Er studierte Jura, zog sich aber nach kurzer Tätigkeit als Finanzbeamter ganz in seine literarische Welt zurück und veröffentlichte mit 24 Jahren seinen ersten autobiographischen Roman, Geständnis einer Maske. Über Nacht wurde dieser ein Erfolg und auch seine zahlreichen anderen Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke brachten ihm Anerkennung und Wohlstand. Mishima versuchte sich auch als Schauspieler in mittelmäßigen Filmen, schrieb Drehbücher und führte selbst Regie.
Er betrieb inzwischen ausgiebig Körperkultur, posierte für Presse und Fotobildbände, verkehrte in Nachtklubs und war mit Drag-Queens liiert. Parallel dazu heiratete er - seiner Mutter zuliebe -, wurde Vater von zwei Kindern und führte ein bürgerliches Leben.
Der Hagakure, der Ehrenkodex, der im 18. Jahrhundert aus der Ethik der Samurai entstand, faszinierte ihn und gab ihm in der Zeit politischer und wirtschaftlicher Umbrüche nach dem 2. Weltkrieg Halt. Mit Sorge beobachtete Mishima die Amerikanisierung Japans und gründete als Reaktion auf die Studentenunruhen eine eigene Armee aus hundert Soldaten, die den japanischen Kaiser schützen und ihn zu seiner Macht zurückführen sollte.
Das Geld und der Materialismus herrschen, das moderne Japan ist abscheulich, sagte er drei Monate vor seinem Tod. Durch seine Kunst erfahren wir die faszinierende Gegenwelt.
Nó Theater
Die über 600 Jahre alte, über Generationen hinweg vom
Vater auf den Sohn weitergegebene Kunst des japanischen Nô Theaters hat ihren Ursprung in shintoistischen Festtänzen und buddhistischen Tanzdramen. Mit
minimalsten Bewegungen kann der Nô Spieler größte Wirkung erzielen. Nô
Tanz ist Reduktion der Bewegung in vollendeter Form und
unterscheidet sich grundlegend von westlichen Tanzstilen.
Einer der ersten Nicht-Japaner, der je ein Nô Spiel zu sehen bekam, war der amerikanische General Ulysses S. Grant. Im Jahr 1870 kam er während einer Weltreise auch nach Tokio, und seine Gastgeber baten den großen Nô Spieler Hôshô Karô, eine Vorstellung zu geben. Es wäre nun durchaus nicht überraschend gewesen, wenn der alte grauhaarige Ex-Krieger beim Anblick der feierlich-priesterlichen Bewegungen dieser symbolischen Darstellung eingeschlafen wäre, aber es wird berichtet, daß er sich nach Beendigung des Spiels voller Bewunderung zu seinen Gastgebern gewandt und gesagt habe: »Das müssen sie pflegen und bewahren.«
Grant wußte vermutlich nicht, daß die Erhaltung der Nô Spiele zu jener Zeit tatsächlich in Frage gestellt war.
In der ursprünglichen Form waren die Nô Spiele wesentlich einfacher. Sie hatten sich aus bestimmten Spielen entwickelt, die in Tempeln und Heiligtümern bei Erntefesten und anderen Feierlichkeiten oder bei Zusammenkünften der Ortsbewohner vorgeführt wurden. Im 14. Jahrhundert wurden diese ländlichen Unterhaltungen dann durch das Genie zweier Männer zu einer der bedeutendsten dramatischen Formen der Welt umgestaltet. Diese Männer waren Kan'ami Kiyotsugu (1333 - 1384) und sein Sohn Seami Motokiyo (1363 - 1443).
In mancher Hinsicht erinnern die Nô Spiele an das griechische Drama der Antike: auch dort traten nur wenige Personen auf, auch dort gab es einen Chor; Tänze und Masken und auch dort wurden häufig traditionelle oder legendäre Themen behandelt. Aber während das griechische Drama im Verlauf der Zeit immer realistischer wurde, entwickelten sich die Nô Spiel zu einer fast rein symbolischen Kunstform, bei der sowohl der Text der Stücke wie die Bewegungen der Darsteller unausgesprochene und undefinierbare Realitäten versinnbildlichen wollten.
Meta Theater Stand September 2000
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