ÜBER DAS ANDERE UFER / DEUTSCH-CHINESISCHER THEATERWORKSHOP MIT CAO KEFEI


Montag 14.Juli 2014 bis
Samstag 19.Juli 2014
jeweils 18 Uhr bis 22 Uhr
Vorstellung Samstag 19.Juli 2014
20 Uhr
Meta Theater, Osteranger 8, 85665 Moosach bei Grafing



Cao Kefei ist Theaterregisseurin und Leiterin des Beijinger Ladybird Theaters, lebt und arbeitet in Beijing und Berlin. Sie wird auf der Basis des Theatertextes „Das andere Ufer“ des Nobelpreisträgers Gao Xingjian gemeinsam mit den Workshop-Teilnehmern eine Szenenfolge erarbeiten.

Gao Xingjian hat völlig neue Ansätze für das chinesische Theater entwickelte: Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit, Figuren mit einem nahezu sichtbaren Seelenleben. „Das andere Ufer“ sollte ein „reines Theater“, ein Übungstext für Schauspieler sein, durch den Körper, Sprache und Seele in Einklang gebracht werden können, sodass eine völlig neue Form entsteht. Der Titel geht auf den Sanskrit-Begriff paramita zurück, was „zu einem anderen Ufer übersetzen“ bedeutet. Durch das Praktizieren der sechs Vollkommenheiten kann das andere Ufer der erwachten Glückseligkeit erreicht werden.

Der Text  dient den Teilnehmern als Reibungsfläche  auf der Suche nach den persönlichen Erfahrungen, dem täglichen Leben heute und dem individuellen körperlichen Ausdruck, nach den Fragen, gibt es das andere Ufer? Was ist das? Die Teilnehmer werden im sechstägigen Prozess ihre eigene performative Form erproben und sollten sich für Schauspiel,  Tanz, Bühnenbild und Musik interessieren. Das Ergebnis des im „Work im Progress“ befindlichen Workshops wird am letzten Abend öffentlich präsentiert. Die Zuschauer sind eingeladen, nicht nur als Betrachter beizuwohnen, sondern aktiv in der Phantasie dem „anderen Ufer“ mit all seinen Fragestellungen nachzugehen.

Cao Kefei ist Theaterregisseurin und Leiterin des Beijinger Ladybird Theaters, sie lebt und arbeitet in Beijing und Berlin. Ihre bedeutendsten Inszenierungen sind „Die Macht der Gewohnheit“, „Feuergesicht“, „Endstation-Beijing“, „Together“, „In die Mitte des Himmels“, „Der rundere Mond“, „Far away“, „Riding a roller coaster flying into the future“, „Die Lehre der Krügenspieler“ usw. Mit ihren Aufführungen hat sie an zahlreichen internationalen Festivals in Südkorea, Japan, Taiwan, Hongkong, Deutschland und in der Schweiz teilgenommen. Gemeinsam mit Christoph Lepschy kuratierte sie das chinesisch-deutsche Autorenfestival „Neue Dramatik China“ in Düsseldorf und Beijing. 2006 erhielt sie den deutsch-chinesischen Freundschaftspreis. 2013 war sie Gastprofessorin am Institut der angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Giessen.  Im selben Jahr erschien das Buch „Das Theater“ über ihren Schaffensprozess mit dem Ladybird Theater und ihre theatrale Ästhetik. Cao Kefei hat bereits mehrere Wokshops mit Studenten durchgeführt.

Gao Xingjian (geb. 1940) ist nicht nur ein bedeutender Schriftsteller – im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Literatur – sondern auch einer der bedeutendsten chinesischen Dramatiker der Gegenwart. In den 1980er Jahren arbeitete er als Dramatiker am Volkskunsttheater Peking, Chinas prestigeträchtigstem Theaterhaus, und entwickelte dort in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lin Zhaohua (geb. 1936) völlig neue Ansätze für das chinesische Theater: Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit, Figuren mit einem nahezu sichtbaren Seelenleben, vielleicht absurde vielleicht doch sehr realistische Themen, eine Sprache, die immer vor sich selbst auf der Hut ist, aber vor allem auch neue Erzähl- und Darstellungsweisen. All dies sollte wegweisend sein für zahlreiche neue Entwicklungen im chinesischen Theater, besonders auch das vielbesprochene Avantgarde-Theater seit den 1990er Jahren, dessen bekanntester Vertreter Meng Jinghui (geb. 1965) in den letzten Jahren mit seinen Produktionen immer wieder auch in Europa zu sehen ist. Gao Xingjian hingegen machte sich nach den Produktionen „Das Absolute Signal“ (1982), „Die Bushaltestelle (1983)“ und „Der Wildmensch“ (1985) – sie gelten als Meilensteine in der chinesischen Theatergeschichte der 1980er Jahre – auf den Weg nach Frankreich: Im bedrückenden Klima der späten 1980er Jahre war es nicht mehr möglich seine Stücke in Peking aufzuführen. Seit den 1990er Jahren kamen sie vor allem in Frankreich, aber auch in zahlreichen anderen Ländern auf die Bühne.

„Das andere Ufer“ nach dem „Plot“ zu hinterfragen, ist vermutlich nicht der beste Ansatz – doch dieser ist schnell erzählt: Einige Schauspieler / Figuren machen sich zu Beginn des Spiels auf, den Fluss zu überqueren, und erreichen das andere Ufer. Dort treffen sie auf verschiedene namenlosen Figuren, wie Frau, Mann, Kartenspieler, Zenmeister, Schatten usw., mit denen sie in lose Szenen und Dialoge verwickelt werden. Wichtiger scheinen die Themen: Es geht um menschliches Zusammenleben, um Individuen und Gruppen, um Sprache und die Unmöglichkeit der Kommunikation, um Erinnerung und Vergessen, und nicht zuletzt wohl um die Erkenntnis, dass es am anderen Ufer eigentlich auch nicht anders ist. Eigentliches Ziel ist es nach Gao Xingjian aber, ausgehend von dem Text und seinen Szenen sowohl die Darstellungsmöglichkeiten der Schauspieler als auch die Phantasie der Zuschauer anzuregen. Raum und Zeit sind völlig offen: „Die Zeit kann nicht präzise definiert oder angegeben werden,“ heißt es in den Anmerkungen, der Raum kann „ein Theater, ein Wohnzimmer, ein leeres Kaufhaus, eine Turnhalle, eine Tempelhalle, ein Zirkuszelt oder jeder leere Raum“ sein.

Nachdem das Stück „Das andere Ufer“ 1987 zwar in Peking geprobt, schlussendlich aber nicht aufgeführt wurde, entstand 1993 eine legendäre experimentelle Produktion des Avantgarde-Theatermanns Mou Sen (geb. 1963) an der Pekinger Filmakademie. Ganz als Training für Schauspieler angelegt, probten die Schüler / Schauspieler einige Monate lang und entwickelten eine völlig neue Form der Darstellung und des Zusammenspiels. Die Inszenierung beeindruckte zahlreiche Zuschauer und Künstler, es entstand ein bedeutender Dokumentarfilm dazu und der bekannte Rockmusiker Cui Jian (geb. 1961) befragte Menschen auf der Straße, was das andere Ufer für sie bedeute. Zudem schrieb er inspiriert von der Aufführung seinen Song „Das andere Ufer“. 1995 fand in Hongkong eine andere Aufführung des Textes „Das andere Ufer“  statt.